Wie wir im Fluss des Lebens Ankerpunkte des Vertrauens finden.
Nichts bleibt, wie es ist. „Panta rhei“, sagte Heraklit von Ephesos vor 2.500 Jahren. Auch wenn er es vermutlich anders meinte, als wir es heute verstehen: Das Leben fließt – manchmal sanft und vorhersehbar, manchmal reißend, überraschend, verstörend oder beglückend.
Die eine Erfahrung trägt uns wie ein Floß durch unruhige Zeiten. Eine andere überfordert uns. Eine dritte macht uns unsicher. Eine vierte trifft uns mitten ins Herz. Jede einzelne verändert unseren Lebensfluss – und auch den der Menschen um uns.
Wenn ich in Linz bin und an der Donau entlangspaziere, sehe ich große und kleine Schiffe vor Anker liegen – festgezurrt an mächtigen Bolzen am Ufer. Der Fluss fließt weiter, aber das Schiff bleibt. Es schaukelt ruhig im Strom, trotzt mit Gelassenheit der Strömung. In dieser Verbindung wird es nicht einfach mitgerissen – es hält inne.
Für mich ist das zu einem Bild für Vertrauen geworden: Vertrauen sind solche Ankerpunkte, an denen ich Kraft schöpfen kann. Wo ich das, was war, bedenken und das, was vor mir liegt, achtsam aufnehmen kann. Es gibt unzählige mögliche Ankerpunkte im Leben, könnte man meinen. Und doch erleben viele, dass nicht überall der feste Halt zu finden ist, den sie sich erhoffen – oder dass sie Ereignisse plötzlich ängstlich weitertreiben.
Es braucht Mut, das Ufer loszulassen und an neuer Stelle wieder anzulegen. Zum Beispiel, wenn ein langjähriger Freund eine ganz andere Richtung einschlägt – und wir lernen müssen, ihn gehen zu lassen. Oder wenn ein Kind „ausfliegt“ und wir nicht mehr gebraucht werden wie früher. Auch in Partnerschaften, in denen sich Lebensziele verändern, spüren wir: Vertrauen heißt nicht festhalten, sondern begleiten – mit offenem Herzen. Leben bleibt ein Wagnis. Es braucht beides: Ankerpunkte und ein aufmerksames Unterwegssein.
Aber sind das wirklich Gegensätze? Gibt es nicht auch Anker im Fließen? In den vergangenen fünf Jahren haben wir das in unserer Kirchengemeinde intensiv erlebt. Wenn ich heute zurückblicke, bin ich vor allem: dankbar. Die Corona-Pandemie war ein Einschnitt. Viele sagen noch heute: „Es fehlen mir zwei Jahre.“ Oder: „Das war vor Corona / nach Corona.“ Für uns war es ein Sturm. Und in diesem Sturm haben wir einen Ankerpunkt gefunden, der sich seither stetig weiterentwickelt: Was als Notlösung begann – unsere Online-Gemeindefeiern – ist heute fester Bestandteil unseres Gemeindelebens. Unsere Gemeinschaft ist dadurch vielfältiger, weiter, tiefer geworden. Jeder Gottesdienst, jede Kleingruppe, jede Veranstaltung verbindet heute Menschen aus mehreren Bundesländern – und darüber hinaus.
Für viele ist diese Gemeinschaft zu einem der stärksten Ankerpunkte im Fluss des Lebens geworden. Eine Gemeinschaft, die trägt: verlässlich, verständnisvoll, weltoffen, achtsam, fürsorglich. Wie ein Floß mitten im Strom. Gebildet aus ganz unterschiedlichen Menschen, Lebensgeschichten, Begabungen, Hoffnungen – und vielen persönlichen Ankerpunkten.
Wenn wir jetzt unsere provisorische Ton- und Videoanlage durch eine neue ersetzen, dann verankern wir diesen Weg noch tiefer – aus Überzeugung. Menschen verlassen sich darauf, dass sie auch von weit weg oder bei Krankheit teilnehmen ... und, naja, die Technik ist eben nur schnell zusammengebaut gewesen.
Auch in der altkatholischen Kirche in Österreich ist vieles in Bewegung. Im Auftrag der Synode erarbeitet eine vielfältige Gruppe Ideen für eine pastorale und organisatorische Erneuerung. Als Gemeinde mit einem besonderen Sinn für Vernetzung, Beteiligung und digitale Inklusion bringen wir hier gerne unsere Erfahrungen ein. Lange Zeit glaubte man, Kirche müsse Menschen „versorgen“ – mit Sakramenten, mit Antworten. Heute leben wir eine Kirche, die teilt, beteiligt, zuhört. Eine Kirche, in der Gleichberechtigung nicht erklärt, sondern gelebt wird. Wir sind gespannt – und vertrauensvoll –, wohin uns diese gemeinsame Reise führt. Welche neuen Ankerpunkte wir entdecken. Und wie wir gemeinsam mit allen, die wollen, Oasen der Erholung, Orte spiritueller Tiefe und Plätze des Vertrauens in ganz Österreich mitgestalten können.
Zum Abschluss dieses Sommer-Pfarrer-Worts möchte ich vor allem eines tun: Danke sagen. Allen Mitreisenden auf dem Boot unserer Gemeinschaft im Fluss des Lebens: Für den respektvollen Umgang; für die umsichtige Gestaltung unserer Oasen und Orte. Für das Reparieren oder Lösen von Planken. Für neue Impulse, für geteilte Sehnsüchte, für Lachen und gemeinsames Weinen. Fürs Mitreisen und Leben teilen. Fürs Aufsammeln von Schiffbrüchigen. Fürs Schwimmen und Treibenlassen im Wasser des Lebens.
Und für all die vertrauensvollen Momente, in denen ich mit euch und Ihnen am Ufer sitzen durfte – dem Wellengang lauschend, mit Blick auf das, was den Rhythmus des guten Leben gibt: Ruhe und Stärke. Zwei wunderbare Eigenschaften der Liebe, die Gott ist. Allen Familien wünsche ich in der schul- und vorlesungsfreien Zeit wunderbare Ferien! Und allen die unterwegs sind: Kommt gut zurück! Euer / Ihr Pfarrer Hannes Dämon
Ihr Pfarrer Hannes Dämon
