Wie uns aufmerksame Urteile zu Wegen des Guten führen.
Urteilen gehört zu unserem Leben. Wir prüfen, wägen ab und treffen Entscheidungen. Wir entscheiden, was für uns gut ist und was nicht: vom aktuellen Wetter bis zu Handlungen von Menschen, die unser Leben beeinflussen. Ohne diese innere Abwägung wären wir verloren.
Und es gibt den Moment, in dem das Urteilen über Handlungen vorschnell ins Verurteilen kippt: Wenn wir andere auf einen Fehler festlegen, wenn wir Türen zuschlagen, statt sie zu öffnen. Jesus spürte diese Gefahr. Sehr deutlich lesen wir: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7,1).
Das aber steht in einer gewissen Spannung zu schwierigen Situationen: Wenn es eine klare Stellungnahme und einen lauten Protest braucht, zum Beispiel bei „himmelschreiender Ungerechtigkeit“. Es geht sicher nicht darum, alles gleichgültig nebeneinander stehen zu lassen. Die Schrift ermutigt uns vielmehr, genau hinzusehen und zu unterscheiden: „Prüft alles, das Gute behaltet“ (1 Thess 5,21) - das ist unser heuriges Jahresmotto. Diese Haltung schenkt Orientierung und bleibt doch offen für die Person, die hinter einer Handlung steht. Denn ein Urteil, das aus Barmherzigkeit geboren wird, richtet nicht nieder, sondern richtet auf. Und wenn dieses Urteil nicht auf ein ganz verstocktes Herz trifft - die Bibel nennt es „blindes Herz“ - dann ist Veränderung möglich.
Der Philosoph Paul Ricœur sprach einmal von der „wohlwollenden Interpretation“. Gemeint ist die Fähigkeit, nicht bei der Oberfläche zu bleiben, sondern die Lebensumstände der anderen mitzudenken – ihre Lebensgeschichte, die Brüche, ihre Sehnsühte und auch das - für uns vielleicht irritierende - Selbstverständnis. Es ist eine Binsenweisheit: Wenn wir vorschnell verurteilen, erzählen wir oft mehr über unsere eigenen Fehlbarkeiten als über die andere Person. Wer sich selbst mit Milde begegnet, gewinnt auch den Blick für die Würde des anderen.
Dietrich Bonhoeffer hat das schlicht so ausgedrückt: „Der erste Dienst, den wir einander schulden, besteht darin, dass wir einander zuhören.“ Zuhören heißt: den Menschen in seiner ganzen Fülle wahrzunehmen, auch da, wo sein Leben kompliziert ist. Jesus selbst lebte diese Haltung sehr konsequent. Er begegnete Zöllnern, Kranken oder Ausgestoßenen nicht mit harter Abgrenzung, sondern mit dem Blick, der sagt: „Ich sehe mehr in dir, als deine Schwäche vermuten lässt.“
Urteilen heißt also nicht, ein letztes Wort über jemanden zu sprechen. Es heißt, zu unterscheiden – und gleichzeitig die Tür für neue Möglichkeiten offenzuhalten. Verurteilen schließt ab, Urteilen im Geist Jesu öffnet eine bessere Zukunft - im besten Fall zum Wohle aller. So entsteht eine Haltung, die ernst nimmt, was ist – und doch voller Hoffnung auf das bleit, was werden kann.
Denn Gott selbst sieht, wie es im Buch Samuel heißt, nicht zuerst auf das Äußere, sondern auf das Herz (1 Sam 16,7). Wenn wir diesem Blick vertrauen, lernen wir, uns selbst und anderen mit jesuanischem Herzen zu begegnen. Dann wird unser Urteilen zu einer Kraft, die das Leben bereichert. Und vielleicht entdecken wir so – mehr als je zuvor – den Willen zum Guten in so vielen Menschen. Mag sein, dass nicht alles - auch in unserer Kirche - strichgerade und perfekt ist.
Persönlich ist mir das Ungerade ohnedies lieber, solange es mit aufrichtigem Suchen nach dem Guten im Leben - auch der anderen - einhergeht.
Ihr Pfarrer Hannes Dämon
