Warum es nie zu spät ist, Altes zurückzulassen und Neues auszuprobieren. Und warum das ur-christlich ist.
Manchmal verändert sich etwas im Leben, ohne dass wir es sofort benennen können. Dinge, die lange selbstverständlich waren, wirken plötzlich weniger überzeugend. Routinen, die Sicherheit gegeben haben, beginnen sich enger anzufühlen. Und zugleich taucht die leise Ahnung auf, dass das Leben mehr bereithält als das, was gerade sichtbar ist. Solche Momente gehören zum Menschsein. Sie sind oft Ausdruck einer inneren Bewegung, die uns wachsen lassen will.
In unserer Zeit wird viel darüber gesprochen, wie man sein Leben optimieren oder verbessern kann. Zugleich sehen wir, in welchem Luxus wir leben - mit Frieden, Freizeit und Vergnügungen. Ein Blick in die Nachrichten sagt uns: Das ist nicht normal.
Die tiefsten Veränderungen für Menschen und Gesellschaften, ob in Europa oder im Nahen Osten, beginnen selten mit einem Plan. Sie beginnen meist mit einer Wahrnehmung: mit dem Gefühl, dass etwas Neues möglich wäre. Vielleicht ein anderer Blick auf sich selbst, vielleicht eine Entscheidung, vielleicht der Mut, Gewohntes loszulassen.
Im individuellen Leben kann uns dieses Empfinden herausfordern, denn es stellt uns die Frage, ob wir bereit sind, uns noch einmal zu verändern. Viele Menschen denken dabei zuerst an einen Neubeginn als etwas, das vor allem jungen Jahren vorbehalten ist. Doch das Leben selbst erzählt eine andere Geschichte. Menschen bleiben ein Leben lang lernfähig, wandlungsfähig, offen für neue Wege. Beziehungen können sich verändern, Überzeugungen können reifen, Perspektiven können sich weiten.
Manchmal entsteht gerade aus Krisen, Zweifeln oder Brüchen eine neue Klarheit darüber, was wirklich zählt. Auch der christliche Glaube kennt diese Dynamik. Die biblischen Geschichten sind voller Aufbrüche und Veränderungen. Sie erzählen von Menschen, die nicht stehen bleiben, sondern sich auf den Weg machen – manchmal zögernd, manchmal mutig, oft ohne genau zu wissen, wohin der Weg führen wird. Glaube bedeutet nicht, alles festzuhalten, wie es immer war. Glaube bedeutet vielmehr, sich dem Leben zu öffnen, das Gott immer wieder neu schenkt.
Unser Jahreswort bringt diese Hoffnung in wenigen Worten auf den Punkt: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5). Diese Zusage spricht von einer schöpferischen Kraft, die größer ist als unsere Gewohnheiten und Ängste – und auch unsere Vorstellungskraft übersteigt. Gott wird im Neuen Testament als Quelle des Lebens, die immer wieder Neues hervorbringt, beschrieben.
Wer sich auf diesen Gott der Liebe einlässt, darf darauf vertrauen, dass Veränderung nicht Verlust bedeuten muss, sondern Wachstum ermöglicht. Drei Aspekte sind mir in diesem Jahresmotto wichtig: 1. Neu werden ist wesentlich mit Spiritualität verbunden. Es heißt: „Gott spricht:“ - das bedeutet auch, dass wir hören. 2. Neu werden beginnt mit „sehen“. Wenn die Becher immer nur halbleer sind, wird es schwierig, das Positive zu sehen. „Mehr Zuversicht und Optimismus!“ bat ein Mitfeiernder beim Silvestergottesdienst für unsere Gesellschaft. 3. Neu werden“ bedeutet im biblischen Sinne nicht, dass das Alte mit dem Bulldozer zerstört werden muss, sondern dass Neues aus dem Alten wachsen darf. Keine Wurzelbehandlung, sondern gedüngte Erde, reich an Zuneigung und Aufeinander-Hören und Das-Gute-Sehen.
Aus dem, was trägt, wächst das, was morgen möglich wird. Vielleicht liegt darin eine ermutigende Perspektive für uns alle. Solange ein Mensch lebt, bleibt Veränderung möglich. Solange Hoffnung spürbar ist, bleibt Zukunft offen. Und vielleicht besteht der Glaube gerade darin, diesem offenen Raum zu vertrauen.
In der altkatholischen Kirche werden diese Such-Bewegungen nach Neuem als „bischöflich-synodales Prinzip“ beschrieben. Gemeinsam werden wir finden, wohin uns die Sehnsucht führt. Und genau auf diesem Weg sehen und hören wir, wie sich neue Horizonte auftun. Ich bin schon gespannt, wohin uns diese Reise in diesem Jahr führt und was die Geistkraft bei jedem und jeder von uns bewirkt.
Euer / Ihr Pfarrer Hannes Dämon
