Warum weder Trubel noch rührende Momente darüber entscheiden, was Weihnachten für uns bringt.

Weihnachten ist ausgestreckt in einer eigentümlichen Spannung: zwischen Lichterglanz und vollen Terminkalendern, zwischen stillen Sehnsüchten und dem Gefühl, allem - und vielleicht auch allen gleichzeitig gerecht werden zu müssen. Heimlich taucht da, mal leiser, mal lauter, die Frage auf: „Gibt mir diese Zeit Kraft – oder raubt sie mir welche?“ Doch vielleicht führt diese Frage selbst in die Irre. Denn weder der Trubel noch die besonders rührenden Momente entscheiden, was Weihnachten für uns bringt.

Ziel einer jeden christlichen Gemeinschaft ist es nicht - so sehe ich es -, die Botschaft des Lebens Jesu in Glaubenssätze zu pressen, welche Menschen dann „schlucken“ und dadurch vermeintlich Heil finden. Kirchen und Gemeinschaften, die auf „Glaubensgehorsam“ gegenüber dem aufbauen, „was zu glauben ist“, verfehlen meiner Meinung nach nicht nur das Ziel christlichen Glaubens, sondern auch die Intention, wie wir sie im Leben Jesu sehen: Die freie Zuwendung und den individuellen Weg zu Gott und sich selbst. Nicht nur Jugendliche fragen gelegentlich: „Was bringt´s?“

Ja, was bringt Weihnachten? Was Glaube? Was bringen Sakramente, was bringt ein Gottesdienst? Wer hinter dieser Frage eine Provokation hört oder glaubt, es handle sich um den Ausdruck einer vollkommen säkularisierten und auf das Materielle ausgerichteten Welt, greift meiner Meinung nach zu kurz. Diese Frage ist durch und durch berechtigt. Bringt´s „bloß nicht selber denken“, „brav hinnehmen“, „nur nicht hinterfragen“, „schön mitmachen“? Oder „Erwartungen erfüllen“, „Harmonie um jeden Preis“? Oder bringt´s Verbindung, vertieftes Verständnis menschlicher Größe (Selbst-Erkenntnis im besten Sinn des Wortes), Dankbarkeit für das Nicht-Selbstverständliche? Bringt´s Gotteserkenntnis im Sinne des ersten Korintherbriefs, Kapitel 6, die Verse 19, wo es heißt: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“

So beginnt auch Weihnachten tiefer:  dort, wo wir uns selbst begegnen – jenseits der Rollen, Erwartungen und Gedanken, die uns vielleicht auch einfach aus Gewohnheit antreiben. Dieser innere Ort braucht keine große Bühne. Manchmal zeigt er sich uns in einem flüchtigen Moment der Stille, in einer ehrlichen Frage, in einem Atemzug, der uns wieder spüren lässt: Ich bin da. Und mehr noch: Ich bin gehalten; ich bin geliebt.

Wenn wir solche Erfahrungen machen können - vielleicht beim Christbaum, beim Punsch, beim Blick in staunende Kinderaugen, beim Geruch von Lebkuchen - dann weitet sich etwas. Wir merken, dass Kraft nicht daraus entsteht, alles zu schaffen oder alles unter einen Hut zu bringen, sondern daraus, uns von Gott und von Menschen berühren zu lassen – im Alltäglichen, Unscheinbaren, Menschlichen. Das Kind in der Krippe liefert dafür ein entscheidendes Symbol: verletzlich und doch voller Verheißung, unscheinbar und doch ein Licht, das sich in uns reflektieren kann.

Diese Verbindung zu uns selbst – die sich zugleich über uns selbst hinaus öffnet (wir sprechen hier von Transzendenz) – führt uns auch zu den anderen. Weihnachten wird dort lebendig, wo wir uns und einander mit offenen Augen und einem weiten Herzen begegnen. Weihnachten ist dort, wo wir uns trauen, Nähe zuzulassen oder selbst um Nähe zu bitten - dort wo es für uns stimmig ist.

Wo wir uns gegenseitig daran erinnern, dass kein Mensch allein unterwegs sein muss oder dass Selbstfürsorge ebenso ihre Berechtigung hat wie Fürsorge für andere. In einer Zeit, in der vieles äußerlich laut und innerlich manchmal seltsam leer erscheinen kann, eröffnen wir als Gemeinde Räume, die etwas bringen: echte Begegnung, ehrliche Gespräche, geteilte Sorgen und geteilte Hoffnungen. Für Momente, die nicht „perfekt“ sein müssen, um heilsam zu wirken, und für Augenblicke, die nicht theatralisch Traditionen verherrlichen, die leer geworden sind. Für ein Weihnachten, das uns nicht auspowert, sondern Power gibt und aufrichtet - hin zu Menschen voller Würde.

Pfarrer Hannes Dämon